Das Guttenberg-Syndrom – Eine Folge unseres Leistungsbegriffs?!

27. Juni 2011
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2499858733 0320885c2f-300x225 in Das Guttenberg-Syndrom – Eine Folge unseres Leistungsbegriffs?!Der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wurde von der Universität Heidelberg aufgrund einer Reihe von Plagiaten innerhalb ihrer Doktorarbeit letzte Woche der Doktortitel entzogen. Ihre Ämter als FDP-Fraktionschefin und Vizepräsidentin des Europaparlaments legte sie zwar nieder, doch wechselte sie in den Forschungsausschuss des EU-Parlaments. Die Empörung darüber schlug hohe Wellen. Nun verkündete sie, dass sie den Forschungsausschuss wieder verlasse und in einen anderen Ausschuss wechseln will.

Erst Guttenberg, dann Koch-Mehrin. Nicht nur, dass derartige Affären die Seriosität eines Menschen und der dazu gehörigen Partei in Frage stellen, mehr noch kratzen sie am gesamten Image der Wissenschaften und der Menschen, die in Forschung und Wissenschaft tätig sind. Da offenbar unsere Gesellschaft dazu neigt, sich fröhlich Vorurteilen und Pauschalisierungen hinzugeben, scheint nun jede Person mit Doktortitel in einem kritischen Blickwinkel beäugt zu werden. Ohne akademische Schummler aus der Verantwortung für ihr inakzeptables Verhalten nehmen zu wollen, zeigen derartige Fälle doch einmal mehr, wie die Gesellschaft das, was sie selbst hervorbringt, gar nicht als das erkennt, was es ist, nämlich ein hausgemachtes, selbst erzeugtes Problem. Es ist einfacher auf einzelne Menschen einzuschlagen als sich selbst an die eigene Nase zu fassen und die wahre Problemlösung in Angriff zu nehmen.

Ein Doktortitel hat in unserer Gesellschaft einen hohen Wert und öffnet nicht selten viele Türen. Angefangen bei der Wohnungssuche, die oft leichter fällt, kleineren „Pannen“ im alltäglichen Leben, die für einen „Dr.“ gerne unproblematischer erledigt werden, bis hin zu beruflichen Aufstiegschancen, die sich durch den Doktortitel schneller bieten können. Die Liste an Vorteilen ist lang. Ein Doktortitel strahlt Seriosität und einen hohen Bildungsgrad aus, der direkt mit einer hohen Intelligenz verbunden wird. Respekt und Ansehen sind unmittelbare Verknüpfungen. Aber was genau umfasst eine Promotion eigentlich? Eine Frage, die Menschen ohne das Wissen über akademische Prozesse wohl kaum beantworten können, da die Transparenz der Universitäten viel zu niedrig ist.

Neben der mündlichen Verteidigung, die sich eher am Rande des Promotionsprozesses befindet, steht also im Wesentlichen die schriftliche Arbeit im Vordergrund. An welche Richtlinien man sich genau halten muss, regelt die jeweilige Promotionsordnung, die von Universität zu Universität und von Fachbereich zu Fachbereich völlig unterschiedlich sein kann. Während also der eine Doktoranwärter richtig viel leisten muss, um seinen Doktortitel zu bekommen, muss der andere lediglich die Hälfte tun. Durch das gesellschaftliche Verhalten, eine Person mit Doktortitel auf einen Thron zu heben und vielfach Druck auszuüben, denn nur dann „ist man ja jemand“, sind die Anforderungen zum Teil erheblich gesunken und diese starken Unterschiede sind Zustande gekommen.

Ein Arzt ohne Doktortitel ist seitens der Gesellschaft oft nur ein halber Arzt. Dies führt dazu, dass die meisten Medizinstudenten sich gezwungen fühlen zu promovieren. Das wiederum hat an den meisten Unis zur Folge, dass Mediziner oftmals nur die Hälfte an Text einzureichen brauchen als beispielsweise Geisteswissenschaftler. Die Universität Magdeburg zum Beispiel gibt für Mediziner ein Maximum von 60 Seiten vor. Ein Geisteswissenschaftler würde dies lediglich als Seminararbeit werten.

Höher, schneller, weiter. Du musst gut, besser und noch besser sein. Ein fatales Credo unserer Welt. Der ständige Drang und Zwang seinen Lebenslauf kontinuierlich zu optimieren und eine gute ökonomische und gesellschaftliche Verwertbarkeit zu liefern, führt neben steigenden gestörten psychischen Prozessen, zu Halbherzigkeiten und Lügen. Nicht das wissenschaftliche Interesse steht bei den meisten Doktoranden im Vordergrund, sondern Zwang, Druck und/oder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Anerkennung, das Aufpolieren des eigenen Selbst zu Verkaufszwecken. Beständig wollen wir jemand werden, ohne zu erkennen, dass wir schon längst jemand sind, und das schon seit dem Tag unserer Geburt. Darüber hinaus, sollten wir uns die Frage stellen, ob wir das wirklich wollen oder ob uns nur gesagt wird, dass wir das zu wollen haben, um den Systemkreislauf unserer Welt weiter in Schwung zu halten.

Um Leistung zu erfassen, machen wir es uns einfach. Wir wollen sie sichtbar machen und bedienen uns so scheinbar objektiven Bewertungsmitteln, die sich in ihrer Grundsubstanz jeglicher Logik entziehen. Das beginnt schon in der Schule mit Schulnoten, die nichts anderes sind, als das, was sie eben sind, nämlich Zahlen auf einem Stück Papier, die zum größten Teil mehr durch subjektives Empfinden denn durch Objektivität zu Stande kommen. Ein objektives Bewertungsmittel sind sie daher in keinem Fall. Ebenso verhält es sich auch mit Doktortiteln. Ein Arzt mit Doktortitel ist dadurch nicht zwangsläufig ein guter Arzt. Ein Politiker mit Doktortitel wird dadurch nicht zwangsläufig zu einem guten Politiker und ein Lehrer wird mit Hilfe eines Doktortitels nicht zwangsläufig zu einem guten Lehrer.

Der gesellschaftliche Leistungsbegriff und seine Folgen nehmen immer groteskere Züge an und daran werden wir nichts ändern, wenn wir auf einzelne Menschen einknüppeln, ohne uns selbst zu hinterfragen und uns zu einer reflektierenden Gesellschaft zu entwickeln. Mal abgesehen davon, dass Ehrlichkeit ohnehin in den Grundfesten unserer Gesellschaft keinen Wert mehr besitzt. Warum verlangen und erwarten also Menschen, die selbst keine Ehrlichkeit leben, Ehrlichkeit von anderen? Eine weitere hässliche Fratze, die sich uns in diesem Zusammenhang  zeigt.

Auch um den FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis wurden vergangene Woche Plagiatsvorwürfe laut. Er selbst bat nun die Universität Bonn darum, seine Arbeit zu prüfen. Ein Ergebnis steht demnach noch aus.

Das Guttenberg-Syndrom scheint sich zu einem festen Bestandteil in unserer Welt zu manifestieren, wohl aber auch die Tatsache, dass offenbar kaum jemand sich die Mühe macht, darüber nachzudenken, warum es überhaupt da ist und wie es entstehen konnte.

Zum guten Schluss sei gesagt: Ja, es ist durchaus möglich, eine gute wissenschaftliche Arbeit eigenständig und ohne Schummelei zu verfassen, wenn denn das Herz bei der Sache ist und nicht das eigene Ego oder das Ego der Gesellschaft.

Bildquelle: flickr.com/atalou

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"Die Menschen müssen weiterhin kämpfen, aber nur, wofür zu kämpfen lohnt. [...] Unsere Waffen seien Waffen des Geistes, NICHT Panzer und Geschosse."

(Albert Einstein)